
„Jedes Kind hat sein eigenes Tempo!“
Unsere Sonneninsel-Lehrerin Manuela Krempler erzählt, wie Schule auf der Sonneninsel funktioniert und warum Lernen, Freizeit und neue Freundschaften gleichermaßen wichtig sind.
Manuela, du begleitest seit vielen Jahren schulpflichtige Kinder auf der Sonneninsel. Wie sieht ein typischer Schulvormittag aus?
Ich bin seit 2018 als Lehrerin auf der Sonneninsel und mache es immer noch wahnsinnig gern. Am Montag drehe ich zuerst eine Runde durch den Speisesaal und schaue, wer da ist. Um 9 Uhr starten wir dann mit dem Morgenkreis. Wer ist neu? Wen kenne ich vielleicht schon? Wir lernen uns kennen und schauen, wer vom Alter her gut zusammenpasst.
Das ist wichtig, damit sich die Kinder wohlfühlen und miteinander in Kontakt kommen. Dabei entstehen oft schöne Freundschaften.
Bis zu elf Schülerinnen und Schüler besuchen gleichzeitig die Sonneninsel-Schule. Wie lässt sich das organisieren?
Das erfordert einiges an Planung. Deshalb bekomme ich meist Unterstützung von zwei Studierenden der Universität. Gemeinsam besprechen wir den Tag und überlegen, welches Kind welche Unterstützung braucht.
Wie unterscheidet sich der Unterricht auf der Sonneninsel von einer normalen Schule?
Bei uns gibt es keine Schulglocke. Wir entscheiden selbst, wann eine Pause sinnvoll ist. Mir ist wichtig, dass die Kinder etwas lernen und dass es bei ihnen weitergeht – gleichzeitig soll Schule hier keinen zusätzlichen Stress bedeuten. Deshalb verbinden wir konzentriertes Arbeiten mit ausreichend Raum für Erholung. Ich bin außerdem eng mit den Lehrerinnen und Lehrern der Heimatschulen in Kontakt und stimme mich mit ihnen ab.

Und wenn ein Kind länger auf der Sonneninsel bleibt?
Wenn Kinder zwei Wochen oder länger hier sind, würden sie in ihrer Heimatschule einiges verpassen bzw. wird es dann schwer dies aufzuholen. Deshalb konzentrieren wir uns auf die wichtigsten Inhalte und behalten auch Schularbeiten im Blick. Dafür gibt es einen zweiten Klassenraum, in dem die Kinder in Ruhe arbeiten können. Die fertigen Arbeiten werden eingescannt und an die Heimatschule geschickt. So halten wir den Anschluss und gleichzeitig können die Kinder ihren Aufenthalt genießen.
Was beobachtest du bei Kindern, die länger krank waren und dadurch vielleicht auch in der Schule den Anschluss verloren haben?
Manche Kinder sind anfangs vorsichtig mit neuen Kontakten und überlegen genau, wem sie von ihrer Geschichte erzählen. Umso schöner ist es zu sehen, wie schnell die Erkrankung in den Hintergrund rückt, wenn die Kinder miteinander in Kontakt kommen.
Egal, ob betroffenes Kind oder Geschwisterkind: Die Kinder sehen zuerst den Menschen und nicht die Erkrankung. Das Miteinander steht im Vordergrund. Auch die Geschwisterkinder erlebe ich als sehr rücksichtsvoll und liebevoll.
Warum ist die Kombination aus Schule am Vormittag und Freizeit am Nachmittag so wertvoll?
Beides braucht seinen Platz. Am Vormittag arbeiten die Kinder konzentriert und merken: Ich kann etwas leisten, ich komme mit meinem Schulstoff weiter. Das gibt ein Stück Normalität. Am Nachmittag ist Zeit für Familie, gemeinsame Erlebnisse und neue Kontakte. Die Kinder können etwas unternehmen, Spaß haben und einfach Kind sein.
Es ist schön, wenn sie nach einem fleißigen Schulvormittag denken: Jetzt habe ich etwas geschafft und nun darf ich die Zeit genießen.
Was kann Freizeit leisten, was Schule nicht leisten kann? Warum können gerade Kinder mit schulischen Schwierigkeiten von einem Hobby profitieren?
Lernen findet nicht nur am Schreibtisch statt. Beim Fußball, Tischtennis, Musizieren oder Klettern werden ganz nebenbei Koordination, Konzentration und Körpergefühl trainiert.
Besonders wertvoll sind die sozialen Kontakte. Ein Verein kann für ein Kind eine neue Chance sein. Wer in der Schule vielleicht einen bestimmten „Stempel“ bekommen hat, kann dort ganz andere Erfahrungen machen, Selbstvertrauen gewinnen und aus seinem Schneckenhaus herauskommen.
Deshalb halte ich es auch nicht für sinnvoll, einem Kind zum Beispiel das Fußballtraining zu verbieten, damit es stattdessen lernt. Wenn es gerade nicht aufnahmefähig ist, bringt zusätzlicher Druck oft wenig.
Was möchtest du Eltern mitgeben, deren Kind gerade schulische Schwierigkeiten hat?
Auf keinen Fall Druck ausüben. Ein Kind darf nicht das Gefühl bekommen, dass es nichts kann. Viel wichtiger ist es, Hilfe anzubieten und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Es ist kein Weltuntergang, wenn es in einem Fach gerade nicht so läuft. Oft verändert sich schon viel, wenn Eltern und Lehrer gemeinsam wieder Zuversicht gewinnen. Mit Druck erreicht man meistens eher das Gegenteil.
Jedes Kind hat sein eigenes Tempo, seine eigenen Fähigkeiten und seinen ganz persönlichen Weg.




